Stuttgarts Senioren wünschen sich einen Clown

Die therapeutische Clownin aus Esslingen erzählt warum sie als Clown in Pflegeheimen, Altenheimen und Seniorenheimen arbeitet.

Warum es die Figur der Clownin Erna Blümle braucht

Ein Interview mit mir darüber, was Erna kann, was ich nicht kann

Was bereitet dir am meisten Freude bei deinen Clownsvisiten als Erna Blümle?

Wenn es der Clownin gelint eine Herzens-Verbindung zu dem:der Bewohner:in aufzubauen und sich eine wahrhaftige vertrauensvolle Begegnung zwischen dem alten Menschen und der Clowin ereignet. Das ist für mich zutiefst beglückend.

 

Was sind deine wichtigsten Ziele bei einer Clownsvisite im Seniorenheim?

Da die Lebensqualität unseres social brains zutiefst von sozialen Erfahrungen abhängig ist, sind meine drei Kern-Ziele für den alten Menschen: Ein wirkliches Gesehen-, Gehört- und Verstanden-Werden, ehrliche Wertschätzung und eine warme Akzeptanz.

 

Im Praktischen sieht das so aus: Dem einen schenkt Erna Leichtigkeit: sie scherzt, lacht albert, schäkert und flirtet, dass sie die Balken biegen. Dem anderen schenkt Erna ihre ganze Aufmerksamkeit um das Traurig-Sein da sein zu lassen, die Schmerzen zu würdigen, die Ohnmacht anzuerkennen und der Verzweiflug Raum zum geben. Ernas intensive Aufmerksamekti tut unendlich gut, egal ob man Fröhlichkeit oder Traurigkeit teilt, der alte Mensch spürt sich wieder lebendig, er ist gesehen und fühlt sich gewürdigt.

"Das war der schönste Tag, seit dem ich hier bin!"

Heide, 81 Jahre

Warum findest du den Einsatz eines professionellen Clowns so wichtig?

Die soziale Ausgrenzung aktiviert die neurobiologische Schmerzmatrix. Der Clown bewirkt das Gegenteil und sorgt dafür, das die neurobiologische Schmerzmatrix eine ganze Weile aussetzen muss, denn für mich besteht meine Aufgabe als Clownin darin mein Gegenüber in den Mittelpunkt zu stellen. Das macht die Clownin sehr charmant, humorvoll, mal laut und oft leise und zart.

 

Meine logotherapeutische Ausbildung in der sinnzentrierten Psychologie nach Viktor Frankl hat mir den Blick dafür geöffnet, dass das Leiden-Aushalten die größste und schwierigste Leistung ist, die ein Mensch erbringen kann. Die Clowns-Madame Erna wertschätzt mit tiefer Ernsthaftigkeit die Tapferkeit des:der Bewohner:in dieses Leiden auszuhalten. Diese wahrhaftige Achtung vor der Leistung Leiden zu ertragen, stärkt die Seele des Menschen und die Trotzmacht des Geistes.

"Endlich mal ein vernünftiger Mensch mit dem man reden kann."

Isadora, 89 Jahre

 

 

Welche Eigenschaft ist für dich als Clown wesentlich?

Ein Clown im Pflegeheim braucht eine sehr hohe Sensibilität und eine gut ausgebildete, feinsinnige Intutition um sein Gegenüber und die Atmosphäre in einem Raum wahrzunehmen. Auch um zu spüren, wann ein Clown nicht erwünscht ist.

 

Besonders wichtig ist es auch achtsam mit der Intimszone eines alten, auch bettlägerigen, Menschen zu sein, denn in jeder Sekunde soll sich der alte Mensch mit dem Clown sicher und wohl fühlen können. Ebenso wichtig ist mir auch, das der Clown sein Gegenüber immer ernst nimmt und das sein Gefühl wahr ist, also Validation in Reinform.

"Hoffnungsflämmchen", "Lichtblick" und "Goldstück"

Erna ist eine Herzensverbündete, eine Seelentrösterin und Freundin

Was ist der Unterschied zwischen einem "normalen" Clown und einem therapeutischen Clown?

Das Spiel eines therapeutischen Clowns ist Nicht-Zirkus, Nicht-Auftritt, Nicht-Laut und Nicht-Groß, sondern es ist auf das Tempo des Gegenübers reduziert und das Verhalten wird der kognitiven Ebene ihres Gegenübers angespasst. Diese große Variationsbreite im Auftreten als Clownsfigur und in der Form der Interaktion zu haben, macht die Professionalität des therapeutischen Clowns aus.

 

Das ist in meinen Augen auch die "große Kunst" sich in wenigen Sekunden zu entscheiden, welche Art von Gegenüber ist hier gerade gefragt und in der Interaktion zu erspüren, mit welcher Art von Kontakt diesen Mensch am besten erreicht und mit was für einer Art von Begegnung dieser Menschen am meisten beschenkt werden kann.

"Darf ich dich vernudeln?"

Lydia, 92 Jahre

Hast du eine oder mehrere Methoden mit denen du arbeitest?

Für mich ist die Figur des Clowns die Methode! Denn der Clown hat ein ein weites wertungsfreies Herz und kann deshalb freudig mit offenen Armen und offenen Augen auf jede:n zugehen. Die Clownin freut sich über jede:n, den:die sie trifft und begegnet ihm mit der Haltung eines von Herzen kommenden: "Schön, dass es dich gibt."

 

Alles, was sich in der Begegnung ereignen will, ergibt sich aus dem Moment, der Verbindung mit dem Gegenüber und dem Folgen meiner Intutition. Übersetzt man Methode wörtlich, heißt es ja "Weg zu etwas hin". Das bedeutet die Clownin benutzt ihre Stimme, ihre Mimik und ihre Berührung als Weg zum anderen hin. Die Clownin hat also eine fröhliche, warme Stimme, einen offenen, intensiven Blickkontakt und schafft mit achstam-langsamen Berührungsangeboten einen Herzens-Kontakt zu ihrem Gegenüber.  

"Erna, du wirst hier gebraucht!"

Olaf, 77 Jahre

 

 

Welche Rahmenbedingungen brauchst du für eine Clownsvisite?

Raum, Zeit und Ruhe sind die ausschlaggebenden Faktoren, damit die Clownin in die innere Welt des alten Menschen eintauchen kann und gleichzeitig sich auch der alte Mensch voll und ganz auf die Begegnung einlassen und sich für sie öffnen kann.

 

Dies kann auch bei einem großen Sommerfest gelingen oder im voll besetzten Aufenthaltsraum, doch die ganze Magie einer Begegnung von einem alten Menschen und der Clownin braucht Raum, Zeit und Ruhe (außenrum). Weitere Rahmenbedingungen habe ich hier zusammengeschrieben.

"Liebe Frau Haug,

Sie sind Ihr Honorar wert!

Sie machen so eine schöne feine Arbeit

für unsere Bewohner:innen,

die nur Sie machen können."

 Annemarie Kaske,

Pro Seniore Residenz Neckarpark